Romanwerkstatt

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Auf alle Fälle, egal, wie gut ich das Hörspielmaterial einbeziehen kann, egal, wie brav sich alter und neuer Plot der Verzahnung fügen, ich brauche noch ein paar Schleifen für den Roman. Vor allem natürlich solche, die ich um die noch offenen Leerstellen schnörkeln kann. Um die weißen Flecken im Atlas dieses nach Kräften eiernden Globus'.

Zum Beispiel: Wo kommt eigentlich Mila her, aus welchem Schneckenhaus, Sternenhimmel, aus welchem Stall? Und wie konnte Che zu dem werden, der er geworden ist? Und was ist mit Felix' altem Herrn passiert, dass er von seinem Onkel nicht mit dem Firmenerbe bedacht werden konnte? Müssten jeweils traumatische Ereignisse sein, die sich festgekrallt haben in der Erinnerung, über die aber lauthals geschwiegen wird.

Traumata und Tabus – das entscheidende Compositum mixtum fürs Familiendrama.

Darüber hinaus werd ich mich, um die Geschichte voranzubringen und auf Romandimension zu treiben, auf das unkalkulierbare Wechselspiel aus Komposition und Improvisation einlassen müssen. Das Wechselspiel aus Vorausgeplantem und Spontanem, aus knochenhartem Storyboard und munter murmelndem Tintenfluss. Wieder ein Schuss Magie. Da ist sie also wieder. Mittendrin im Vollzug der Schreiberei also auch, nicht nur bei der Initialzündung. Ein echter Zauber, zuzuhören und zu staunen – komischromantisch, aber wahr – zu staunen, wie die Figuren, die das Storyboard jeweils auf den Plan ruft, anfangen zu quasseln.

von Ulrich Land (Kommentare: 4)

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Kommentar von Thomas Földes |

Ich empfinde das ein tolles Projekt. Spannend und riesig interessant.
Ich hab mir, wie versprochen die ersten 3 Episoden gekauft und zwischenzeitlich auch gelesen.
Die erste Episode fand ich erst etwas langatmig, hab aber im Nachhinein verstanden, dass es wohl notwendig war. Bereitet klasse auf die Einsamkeit im Hohen Norden vor, auf die Langeweile, auf die unendlich langsam dahinschleichende Zeit. Damit baut sich eine tolle Spannung auf.
Mal sehen wie es sich so entwickelt.

Witzig jedenfalls zu erleben wie die Personen, von denen ich mir ja schon ein Bild gemacht hatte, sich jetzt tatsächlich darstellen.
Danke für die Idee, dich bei der Arbeit an dem Buch begleiten zu dürfen.

Kommentar von Ulrich Land |

Verdammt - langatmig, der Anfang! Würde mich rasend interessieren, wie das andere LeserInnen sehn. Kommt man schlecht rein? Hab ich schon von Lesern meiner ersten Romane gehört. Hier also auch? Die Neusser Elegien des Vater-Sohn-Konfliktes - sind es die, die zu ausgedehnt daherkommen? Der Streit um das richtige Designkonzept, um das richtige Geschäftsmodell? Zu viel der guten Krätze? Wo klemmt's? - Wie seht ihr das?
Gespannt wie 'n Flitzebogen auf eure Antworten...

Kommentar von Katja Fusek |

Mir hat das erste Kapitel Spass gemacht. Eine klassische Exposition: Ein Familienfest, die Protagonisten werden eingeführt mit all ihren gegensätzlichen Interessen, auch einer traumatischen Vergangenheit, und geraten sich sofort in die Haare. Das fand ich keinewegs langatmig. Einzig die Krätze-Episoden haben mich irritiert. Die fand ich im ersten Kapitel aus dem Zusammenhang gerissen, konnte sie nicht einordnen und habe schnell darüber hinweggelesen.

Kommentar von Ulrich Land |

Tja, der Anfang. Beim klassischen Krimi, also dem, den man auf Neudeutsch Whodunit [von engl. who has done it] heißt, ist die Chose relativ einfach: Ein Mord muss her. Als Initialzündung. Dann Ermittlung, abduktives Schlussfolgern, Aufklärung. Und die Welt ist wieder in Ordnung. Genau das wollte ich nicht. Wollte mal nicht mit einem Paukenschlag eröffnen. Nicht gleich die Dame umschubsen, den Läufer killen, dem Pferdchen die Beine brechen. Es sollte zunächst ein Blick auf den [freilich zugespitzt konfliktbeladenen] Alltag, in dem alles noch in einigermaßen üblichen Bahnen läuft, geworfen werden, bevor das Ding bzw. der geplagte Felix ins Rotieren gerät und die Schraube sich mehr und mehr zudreht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob's wirklich funktioniert. Noch mal überlegen. Insofern bin ich euch für die Denkanstöße sehr dankbar.

Und die Krätze, auch die scheint nicht unproblematisch zu sein, wie auch die ersten Reaktionen Roland Taubers, meines Verlegers, zeigen. Aber die Krätze ist hier mein Steckenpferd. Die gönn ich mir einfach. Und hoffe, dass sich im Laufe der Lektüre deren Bedeutung den geneigten LeserInnen erschließt.