Romanwerkstatt

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Was ist eigentlich mit der immer gern genommenen Behauptung, dass im Vollzug des Schreibens die Figuren ihr Eigenleben entwickeln, unversehens in den Zeilen das Laufen lernen? Firlefanz? Jägerlatein aus dem Dichterstübchen?

Was daran stimmt, ist, dass ich insbesondere beim Dialogschreiben, insbesondere beim Hörspiel einsteige in die Debatte, die erste Einlassung aufs Papier bringe und erst mal überhaupt nicht weiß, wie und was die letzte Äußerung in dieser Szene sein wird. Schon gar nicht, wie und was die letzte Äußerung des Stücks, des Romans sein wird. Selbst wenn ich grade in einer Phase stecke, wo ich sturheil den erwähnten Storyboards oder Notizzetteln oder was folge, wo ich versuche, einen bestimmten Szenenablauf durchzubuchstabieren und auszufabulieren, bei dem ich genau weiß, worum es geht. Worum es gehn soll. Quasi in eigenem Auftrag unterwegs bin, als mein eigener Ausführungsgehilfe fungiere.

Wie also Claus auf Felix reagiert, wie Che seinen Vater anblafft, wie Mila Felix umgarnt – wie, konkret, mit welchen Worten, mit welchem Augenaufschlag, das weiß ich nie im Vorhinein. Das ergibt sich, während die Tinte fließt. Überraschung! Zum Beispiel wurde Che im Laufe des Schreibprozederes immer finsterer, wurde immer mehr zum Entfant terrible, zum schwarzen Schaf. So sehr, dass ich aufpassen muss, dass er nicht mit einer komplett eindimensionalen Wesensart unterwegs ist. Der Kerl also droht sich dermaßen zu verselbständigen, dass ich Mühe hab, ihn wieder einzufangen.

Die Magie der Figuren, die da unterm Füller loslaufen und ihre eigenen Wege einschlagen, das ist das, was so richtig Spaß macht. Sich von sich selbst und den eigenen (vermeintlichen) Marionetten übertölpeln, übervorteilen, überholen und unterhöhlen, unterbrechen, unterlaufen zu lassen. Oder sich von sich selbst bestätigen zu lassen. Die Sahne!

Und es gibt Fälle, wo die Typen mir unter der Hand eine echte Kehrtwende hinlegen, Sachen unternehmen, mit denen ich nie gerechnet hätte. Mila ist so 'n Fall. Fast.

von Ulrich Land (Kommentare: 0)

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